Kennst du diese Pflanze mit dem sonderbaren Namen – Allermannsharnisch? Hast du sie schon einmal in der Natur oder in einem Garten gesehen? Heute ist sie kaum mehr bekannt, hat aber, vor allem in den Alpenregionen, eine lange Tradition als Heil- und Zauberpflanze. Es ist also an der Zeit, sich Allermannsharnisch wieder anzusehen.
Botanisches
Zunächst etwas Botanik. Allermannsharnisch (Allium victorialis) gehört zur Familie der Amaryllisgewächse (Amaryllidaceae), dort zur Unterfamilie der Lauchgewächse (Allioideae). In älteren Werken findest du ihn oft noch bei den Liliengewächsen (Liliaceae) einsortiert. Dies war lange die gängige Klassifikation für alle Allium-Gewächse, die jedoch mittlerweile überholt ist.
Wie der Gattungsname Allium schon sagt, ist er eng mit anderen Lauchgewächsen, vor allem Bärlauch (Allium ursinum), verwandt. Er gilt als der große Bruder des Bärlauchs und ähnelt diesem auch stark. Bei Spaziergängen ist er eher nicht zu finden, da er typischerweise in den Gebirgen Eurasiens in Höhen zwischen 1000 und 3000 Metern wächst. Du findest ihn auf grasigen und felsigen Hängen, in Bergwiesen und Hochstaudenfluren.
Er ist eine Zwiebelpflanze und riecht wie der Bärlauch nach Knoblauch. Die Blätter haben einen kurzen Stiel, werden bis ca. 20 cm lang und sind lanzettlich geformt. Die typische Lauchblüte erscheint von Juli bis August. Sie bildet einen dichten, kugeligen, doldigen Blütenstand in einem Cremeweiß und ist ein kleiner Insektenmagnet. Aus den Blüten entwickeln sich kleine Kapselfrüchte.
Informiere dich vor dem Sammeln, ob er geschützt ist. In Deutschland darf er in der Regel gesammelt werden, in Österreich und der Schweiz ist dies je nach Bundesland/Kanton unterschiedlich geregelt.
Allermannsharnisch
Pflanzenmagie und Brauchtum
Die Volksnamen des Allermannsharnisches spielen vor allem auf seine pflanzenmagische Verwendung an. Zunächst schauen wir uns seinen deutschen Namen an. Die Zwiebel hat eine netzartige äußere Hülle, die wie ein Kettenhemd aussieht. Damit assoziierten die Menschen ein Kettenhemd oder einen Harnisch, wie es die Ritter im Kampf trugen. Und was so aussieht wie ein Harnisch, muss doch auch so wirken. Trug man also einen Allermannsharnisch bei sich, war man wie ein Ritter gegen Verletzungen geschützt. Soldaten hatten ihn als Amulett im Kampf dabei, um sich vor Verletzungen zu schützen. Außerdem bot dieses Amulett auch Schutz vor den obligatorischen bösen Geistern und Hexen. In diese Richtung, man war quasi unbesiegbar, ging auch der Name Siegwurz. Der lateinische Artname victorialis bedeutet Sieg und geht damit in die gleiche Richtung. Dabei Vorsicht, nicht mit der auch als Siegwurz bezeichneten Gladiole (Gladiolus communis) verwechseln.
Weitere Namen und deren Hintergrund sind
- Sigmarslauch / Siegmarsmännlein
Sigmar ist ein althochdeutscher männlicher Vorname, der sich aus den Elementen sigu (Sieg) und māri (berühmt) zusammensetzt. Also mit der durch den Sieg Berühmte übersetzt werden kann. - Schlangenwurz
Er galt als Schutz vor Schlangenbissen und Giften. - Neunhemdenwurz
Allermannsharnisch bot den Schutz von neun Hemden, dies spielt wieder auf die Unverletzbarkeit für den Träger eines entsprechenden Amuletts an. - Berg-Alraun
Er galt als ähnlich mächtig wie die Alraune, es wurden früher auch menschenähnliche Gestalten aus ihm geschnitzt und teuer verkauft. - Bergknoblauch/Alpenlauch
Diese Namen spielen auf seinen Standort und Geruch an.
Allermannsharnisch war also vor allem eine begehrte Schutz- und Zauberpflanze. Er schützte nicht nur die Männer im Kampf, sondern wurde u. a. auch den Kindern in die Wiege gelegt, um sie vor dem Verschreien, also Verzaubern, zu schützen. Aber auch Haus und Hof wurden durch das Aufhängen der Pflanze vor dem unerwünschten Besuch dunkler Mächte geschützt.
Laut Sage soll so ein Mädchen einen Dämonen abgewehrt haben, indem sie ihm ein Amulett mit Allermannsharnisch entgegenstreckte. Daraufhin musste er von ihr lassen und rief erbost: Allermannsharnisch, du böses Kraut, hast mir genommen meine junge Braut.
Die großen Kräuterkundigen im 16. Jh., Hieronymus Brunschwig, Otto Brunfels und Tabernaemontanus, beschrieben in ihren Werken ebenfalls den Brauch, die Wurzel als Amulett im Kampf zu tragen.
Illustration aus dem "Atlas der Alpenflora"
Allermannsharnisch als Heilpflanze
Es gibt leider nur noch wenige Überlieferungen von der heilkundlichen Verwendung. In der Volksmedizin galt sie als stärkendes und blutreinigendes Mittel, ähnlich dem Bärlauch. Sie wurde dazu in Alkohol angesetzt. Ferner wurde er bei Darmbeschwerden und Würmern eingesetzt. Als typische Männerpflanze (es waren die Männer, die in den Kampf zogen) wird ihm auch eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt. Diese beruht wohl auf der Reizung des Urogenitaltraktes.
Während Bärlauch heute gut erforscht ist, ist es Allermannsharnisch kaum. Dabei wäre sie als robuste Gebirgs-Heilpflanze auf jeden Fall einer genaueren Untersuchung wert. Informiere dich vor dem Sammeln, ob er geschützt ist. In Deutschland darf er derzeit gesammelt werden, in Österreich und der Schweiz ist dies je nach Bundesland/Kanton unterschiedlich geregelt.
Verwechslungsgefahr besteht mit dem Weißen Germer (Veratrum album), einer Giftpflanze. Typische Unterscheidungsmerkmale sind zu einem der Geruch: Allermannsharnisch duftet nach Knoblauch, Germer ist geruchlos. Zum anderen sieht man bei genauem Hinsehen der Wuchsform: Die Blätter haben beim Allermannsharnisch einen deutlichen, kurzen Blattstiel. Die Blattform ist elliptisch bis lanzenförmig. Sie stehen meist wechselständig am Stängel. Beim Germer haben die Blätter keinen Stiel. Sie umfassen den Stängel direkt mit einer Scheide. Sie sind stark längsgefaltet (gerippt).
Da aber beide am gleichen Standort wachsen, sind beim Sammeln Sorgfalt und genaue Kenntnis der Pflanze unabdingbar.
Als Lauchgewächs ist der Allermannsharnisch, wie alle anderen Lauchgewächse auch, für Hunde und Katzen giftig, für den Menschen ist er jedoch in allen Teilen ungiftig.
Austrieb des Allermannsharnisches
Austrieb des Bärlauchs
Austrieb des Weißen Germers
Allermannsharnisch in der Küche
Die Blätter können wie Bärlauch verwendet werden, insbesondere als Gewürz, da man aufgrund der Seltenheit und ggf. auch des Schutzstatus der Pflanze nicht die Mengen wie beim Bärlauch zur Verfügung hat. Aber wenn man z. B. einige Pflanzen im Garten hat, kann man die Blätter an Kräuterquarks, Salate usw. geben. Im österreichischen Lechtal wird auch ein Schnaps aus ihm gebrannt.
Anbau im Garten
Der Anbau im eigenen Garten ist bei Allermannsharnisch etwas anspruchsvoller als bei Bärlauch, weil er von Natur aus ein Gebirgsbewohner ist und entsprechende Bedingungen braucht.
Standort: halbschattig bis schattig, wie am Waldrand oder unter lichten Gehölzen. Volle Sonne verträgt er schlecht.
Boden: humusreich, durchlässig, kalkhaltig, gleichmäßig feucht, aber nicht nass. Staunässe mag er gar nicht, trotz seines Bedarfs an Feuchtigkeit.
Er wächst als Wildpflanze langsam und braucht Geduld, bis er sich vermehrt und Horste bildet. Einmal eingewachsen, kommt er aber Jahr für Jahr zuverlässig wieder. Wenn er sich wohlfühlt, ist er in der Pflege sehr unkompliziert und er ist auch völlig winterhart.
Rezept Kräuterbutter “Siegeszauber”
(Für Brote mit eingebautem Schutzzauber…)
- 125 g weiche Butter (oder Pflanzenmargarine)
- 1 gute Handvoll junge Allermannsharnisch‑Blätter, fein gehackt
- ½ TL Salz
- Frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
- 1 TL Zitronensaft oder etwas abgeriebene Zitronenschale
- Optional: 1 EL fein gehackte Petersilie oder Schnittlauch für mehr Kräuteraroma
- Optional: 1 kleine Knoblauchzehe (je nach gewünschter Knoblauch-Intensität)
- Blätter gründlich waschen, trocken schleudern und sehr fein hacken.
- Weiche Butter in einer Schüssel mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft glatt rühren.
- Gehackten Allermannsharnisch und ggf. weitere Kräuter und Knoblauch unter die Butter mischen, bis alles gleichmäßig verteilt ist.
- Buttermasse auf Frischhaltefolie geben, zu einer Rolle formen und im Kühlschrank mindestens 1 Stunde durchziehen lassen.
- Zu gegrilltem Gemüse, Ofenkartoffeln, Brot, Pasta oder als Würzbutter in der Pfanne verwenden.
Wenn du dich für weitere alte, fast vergessene Heilkräuter interessierst, stöbere doch in der Blogübersicht unter der Rubrik Vergessene Heilkräuter.
🌱 Lust auf noch mehr grünes Wissen? Auf meinem Kräuterblog erwarten dich viele weitere spannende Pflanzenthemen zum Entdecken. 🌼
Bildnachweis
Abb. 1 Titelbild – via Canva
Abb. 2 Isidre blanc, ALLIUM VICTORIALIS – GENTO – IB-888 (All victorial), CC BY-SA 4.0
Abb. 3 Anton Hartinger, Allium victoriale Atlas Alpenflora, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Abb. 4-6 eigene Fotos
Abb. 7 KI-generiert

0 Kommentare